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Gelebte Solidarität – Einsatzbericht aus Bosnien

Dass uns unsere Aktivitäten einmal nach Bosnien führen würden, haben auch wir lange nicht erwartet. Seit Ende 2017 stranden hier jedoch zunehmend Menschen an der Grenze zu Kroatien, weshalb Niklas für etwas mehr als eine Woche in Velika Kladusa unterstützt hat.

Velika Kladusa auf der Landkarte.
Velika Kladusa auf der Landkarte.

Wer mit der Landkarte Bosniens und Herzegowinas nicht vertraut ist, dem wird Velika Kladusa kaum ein Begriff sein. Die Stadt liegt im westlichen Zipfel des Landes, der nach Kroatien hereinragt – direkt an der Grenze. Keine 70 Kilometer sind es von hier bis zur Kroatisch-Slowenischen Grenze. Aus diesem Grund – und weil Kroatien die Grenze nach Serbien immer strenger sichert – versuchen die Menschen vermehrt von hier aus, nach West- und Nordeuropa zu gelangen.

Der Park vor der Räumung.
Der Park vor der Räumung.

Bei der Ankunft in Kladusa fällt es zunächst schwer zu glauben, dass sich wirklich um die 400 Menschen in der Stadt aufhalten sollen. Im (mittlerweile geräumten, dazu später mehr) Park sind ein paar Zelte aufgeschlagen, höchstens 100 Menschen dürften hier die Nacht verbringen. Um zu verstehen, was in Kladusa passiert, benötigt es einen zweiten Blick auf die Stadt. Und seine Bewohner: Die meisten Menschen werden von Privatpersonen oder Hoteliers mit noch freien Betten untergebracht. Auch in den Cafés, Bars, Imbissen und Restaurants sind die Menschen während ihres Aufenthalts meist gerne gesehen. Wer es sich nicht mehr leisten kann, der bekommt auch mal ein Getränk, einen Snack oder einen Haarschnitt beim Friseur spendiert. In einem Restaurant unweit der Stadt hat sich eine Gruppe von bosnischen Kriegsveteranen und -invaliden zusammengetan und kocht täglich für etwa 400 Menschen frisches Mittagessen. Jetzt, da Ramadan ist, sogar in zwei Schichten. Damit auch der Teil der Besucher, der fastet, abends eine warme Mahlzeit genießen kann. Das Kochprojekt haben wir auch mit 150€ unterstützt, um Essen für mehrere Tage zu gewährleisten.

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Es ist beachtlich, wie solidarisch sich diese Stadt zeigt, die vor weniger als 30 Jahren noch selbst unter dem Krieg und den Folgen davon litt. Gerade deswegen scheint das Verständnis so hoch. „Wenn die Menschen hier herkommen und so loben, muss es ihnen vorher schlecht gegangen sein“, sagt eine Anwohnerin. Auch aus der Hauptstadt Sarajevo und dem nahegelgenen Bihac haben wir gehört, dass die Bürger die unerwarteten Gäste unterstützen. Velika Kladusa scheint sich davon aber noch einmal abzuheben. Auch die Menschen auf der Flucht loben die Unterstützung der Bosnier sowie das ruhige Verhalten der bosnischen Polizei; in Bulgarien, Serbien oder Kroatien haben sie dort schon ganz andere Erfahrungen gemacht. Allerdings häufen sich auch die Berichte, dass Bosnien vermehrt Menschen an seinen Grenzen zu Montenegro und Serbien abweist.

Bereits im Vorfeld haben uns unsere Kontakte in Bosnien gesagt, dass nicht viele, aber ein paar erfahrene internationale Freiwillige benötigt werden. Diesem Aufruf sind wir nach Velika Kladusa gefolgt. Die Stadt ist noch nicht lange mit der Situation konfrontiert, dass Menschen auf der Flucht hier stranden. Insbesondere, da die kroatische Polizei sie in illegalen Pushback-Verfahren zurück nach Bosnien sendet und das Recht verwehrt, nach Asyl zu fragen.

Viele berichten von Polizeitgewalt, auch Smartphones werden zerstört.
Viele berichten von Polizeitgewalt, auch Smartphones werden zerstört.

Strukturen, wie sie etwa aus den nicht-staatlichen Camps in Griechenland, Serbien oder Frankreich bekannt waren, gibt es in Velika Kladusa daher noch nicht. Durch die Solidarität der Anwohner sind die auch nicht in gleichem Maße erforderlich. Das „NoName Kitchen“, zuvor aktiv im serbischen Sid, etwa hat mobile Duschen installiert. Freiwillige von „Souls of Sarajevo“ (ehemals „Soulfood Kitchen“) unterstützen die lokale Gruppe beim Kochen und haben ein Warehouse angemietet, um gespendete Kleidung annehmen und verteilen zu können. Hier lag auch der Schwerpunkt unserer Arbeit: Dem Warehouse eine Struktur zu verleihen sowie die Klamotten zu sortieren. Bei Bedarf haben wir außerdem bei der Essensvergabe unterstützt und in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen versucht, Beweise für gewalttätige Pushbacks der kroatischen Polizei zu sammeln – leider scheinen das keine Einzelfälle zu sein.

Das eingerichtete Warehouse.
Das eingerichtete Warehouse.

20180517_112517Der Park selber wurde mittlerweile geräumt. Die Stadt will nicht, dass dutzende Menschen hier täglich übernachten. Dafür hat sie nun eine Grünfläche, zu Fuß 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, eröffnet und auch sanitäre Anlagen zur Verfügung gestellt. Morgens kam ein Laster in den Park, auf den die Menschen ihre Zelte laden konnten – und dann auf dem Feld wieder an sich nehmen; in Frankreich ein unvorstellbares Szenario… Tagsüber sind die Menschen auch nach wie vor in den Restaurants und Cafés willkommen, nur im Freien übernachten sollen sie nicht im Zentrum.

Nachtrag 2. Juni 2018: Das S.O.S. Team Kladusa, No Name Kitchen und Cars of Hope Wuppertal richten im Moment zwei Container her, um verwundbare Menschengruppen im Notfall eine feste temporäre Unterkunft anbieten zu können. Ein Projekt, das wir gerne unterstützen. Spenden, die diesbezüglich an uns gehen, leiten wir natürlich eins zu eins weiter.

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