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Bedenkliche Zustände – Einsatzbericht aus der Türkei

Unser einwöchiger Einsatz in der Türkei mit der Refugees Foundation ist beendet; seit unserem letzten Besuch in der Provinz Izmir hat sich kaum etwas an den Zuständen der Camps verändert.

Einige Camps sind nun kleiner als noch an Silvester.
Einige Camps sind nun kleiner als noch an Silvester.

Manche der Zeltdörfer sind etwas geschrumpft, dafür sind an neuen Orten kleinere entstanden. Die Behörden wollen nicht, dass die Camps zu groß werden und zu viel Aufmerksamkeit erregen. Zum anderen ziehen auch die Menschen selbst manchmal weiter. Etwa ins Landesinnere, wo die Temperaturen bereits wärmer sind und entsprechend mehr Arbeit auf den Feldern geleistet werden kann. Gleichzeitig sind auch an bekannten Orten viele für uns neue Gesichter anzutreffen.

Die Tage vor unserer Ankunft hatte es in der Provinz Izmir viel geregnet, mittlerweile kommt aber auch immer wieder die Sonne hinter den Wolkendecken hervor. Vor allem unser letzter Tag war von Sonnenstunden geprägt. Entsprechend gibt es in der Region auf den Feldern auch schon mehr zu tun als noch an Silvester, Kohl oder Lauch werden bereits geerntet. Die wärmeren Temperaturen von bis zu 20 Grad führen allerdings auch dazu, dass sich die hygienischen Bedingungen in den Camps verschlechtern und es bereits jetzt drinnen nur schwer auszuhalten ist. Dass sich etwa Schmutzwasser in den selbst ausgehobenen Gräben sammelt und die Menschen damit immer wieder in Berührung kommen, verschlechtert die Situation zusätzlich. Doch bei einem Leben auf einem Acker ist es mit den wenigen Ressourcen auch schwierig, für maßgeblich bessere Zustände zu sorgen. Uns wurde erzählt, dass die Tageslöhne inzwischen teilweise auf ein bis vier Euro gefallen sind. Viele der Menschen hier leben von der Hand im Mund, Unterstützung vor Ort erhalten sie kaum. In einem der Camps wurde uns gesagt, dass seit uns an Silvester niemand mehr gekommen ist.

Bei unserer Ankunft war es noch matschig. Dennoch war vor unserem Arztzelt permanent eine Schlange.
Bei unserer Ankunft war es noch matschig. Dennoch war vor unserem Arztzelt permanent eine Schlange.

Erkältungen begegnen unserem Ärzteteam, das etwa 100 Menschen pro Tag empfangen kann, dafür nun seltener. Die (Klein-)Kinder sind jedoch nach wie vor mangelernährt, erste Fälle von Krätze und Läuse sind uns auch schon begegnet. Hinzu kommen Kinder mit Verbrennungen, weil sie gegen den Ofen gelaufen sind oder ihn berührt haben — um nur einen groben Überblick zu geben. In den meisten Fällen können wir mit unseren Medikamenten weiterhelfen. Manche kamen um einen Besuch im Krankenhaus allerdings nicht herum:

Das Team bei der Arbeit.
Das Team bei der Arbeit.

Für die etwa 14-jährige Aya hat unser Verein die Entfernung der Mandeln für knapp 500 Euro übernommen. Vielen Dank dafür auch an alle Spender, die uns diese Unterstützung ermöglicht haben! Am Dienstag kennengelernt, sind wir mit ihr am Mittwoch in die Privatklinik, um die Operation zu veranlassen. Ayas Mandeln waren deutlich zu groß und hätten eigentlich schon vor mehreren Jahren entfernt werden müssen, wie uns auch der Arzt im Krankenhaus bestätigte – was jedoch nicht passiert ist. Das führte zuletzt so weit, dass Aya kaum noch schlucken konnte und entsprechend wenig Nahrung zu sich nahm. Das war auch die Hauptursache für die bedenkliche Gewichtabnahme. Zu große Mandeln bereiten jedoch noch weitere Probleme, insbesondere beim Schlafen. Bei Aya führte das so weit, dass die Mandeln auf die Luftröhre gedrückt haben, wenn sie sich hingelegt hat. So hatte sie zusätzlich Atembeschwerden und bei einer weiteren Vergrößerung der Mandeln hätte es für sie angesichts dieser Probleme lebensgefährlich werden können. Mittlerweile ist Aya wieder wohl auf und isst vor allem Vanilleeis. Nach einer Nacht im Krankenhaus musste sie – unserer Meinung etwas früh – zurück ins Camp. In dieser Woche geht sie mit ihrem Vater, der sich die ganze Zeit liebevoll gesorgt hat, noch einmal zur Nachkontrolle.

Aya hat die Operation gut überstanden.
Aya hat die Operation gut überstanden.

Zwei weitere Operationen bei Kleinkindern hat die Refugees Foundation ermöglicht. Bei einem der Jungen, Nouri, waren die Hoden vermutlich durch einen Wasserbruch oder eine Hernie deutlich zu groß. Bei einem zweiten machte der Beschneider seine Arbeit nicht richtig, weshalb wir um eine Blutvergiftung gefürchtet haben. Alle Operationen sind zum Glück gut verlaufen und beide sind wie Aya wohl auf. Einen weiteren medizinischen Notfall haben wir an unserem letzten Tag in einem neuen Camp entdeckt, an dem die Refugees Foundation nun dranbleiben wird.

Einen Schreckmoment hatten wir derweil im Krankenhaus, als Aya und einer der Jungen gerade operiert wurden. Während ein Teil unseres Teams bereits im nächsten Camp weitergearbeitet hat, statteten zwei Zivilpolizisten den weiteren Freiwilligen und den Eltern der Kinder einen Besuch im Krankenhaus ab. Da wurden die Kimliks (Aufenthaltsdokumente) und Handys abgenommen und durchsucht und es wurde versucht, uns einzuschüchtern. Zum Glück beschwichtigte auch einer der Ärzte, sodass es hier keine weiteren Probleme gegeben hat. Allerdings war das auch für die Eltern keine angenehme Erfahrung. Sowohl mit der Polizei als auch in (staatlichen) Krankenhäusern haben die meisten keine guten Erfahrungen gemacht.

Immer wieder haben wir auch gehört, dass sie beim Besuch des staatlichen Krankenhauses abgewimmelt werden und nach wie vor große Probleme haben, sich zu verständigen. Vereinzelt sind uns allerdings auch Familien begegnet, die mittlerweile auf Türkisch kommunizieren können.

Ein Junge bringt die ausgegebenen Ölflaschen weg.
Ein Junge bringt die ausgegebenen Ölflaschen weg.

Neben der medizinischen Versorgung unterstützten wir die Camp-Bewohner auch wieder mit Lebensmitteln. Gefragt war vor allem wieder Öl, mit den Fünf-Liter-Flaschen kommen Familien mit bis zu acht Mitgliedern etwa vier Wochen hin. Bei mehr Angehörigen gibt es auch entsprechend mehr Flaschen. Die 26 Lira (etwa 5 Euro) pro Flasche sind für die Familien eine enorme Entlastung, auch weil die Wege zum nächsten Supermarkt oft weit sind. Über die Woche hinweg hat die Refugees Foundation rund 2800 Liter Öl gekauft, also 560 Flaschen ausgegeben.

Außerdem hat die Refugees Foundation, mit der unser Mitglied erneut im Einsatz war, Spielzeuge für die Kinder mitgebracht. Nach den Strapazen bei der ärztlichen Behandlung ist das für den Nachwuchs ein ebenso erfreulicher Moment wie für unsere Freiwilligen selbst, die vor und im Zelt sonst oft mit heulenden und schreienden Kindern konfrontiert sind. Nach den Ölausgaben durften sie sich Autos, Ponys oder Murmeln aussuchen. In vielen Zelten sehen wir überhaupt keine Spielzeuge, weil es das Budget der Familien einfach nicht hergibt. Oft spielen die Kinder mit sich selbst oder herumliegenden Müll – selbst die Kartonverpackungen des Öls gingen immer ruck-zuck weg.

So viel Auswahl waren viele der Kinder gar nicht gewohnt. Die Freude über die Spielzeuge war groß.
So viel Auswahl waren viele der Kinder gar nicht gewohnt. Die Freude über die Spielzeuge war groß.

Derweil war die Einreise für unser Mitglied mit einem Moment des Bangens verbunden: Noch vor der Passkontrolle in die Türkei wurde er am Flughafen von einem türkischen Polizisten abgefangen. Passkontrolle hieß es zunächst. Der Pass wurde zunächst abfotografiert und per WhatsApp verschickt, in den gleichen Chat musste dann noch die private Handynummer angegeben werden. Dann hieß es nach einigen Minuten, dass es kein Problem gebe. Auf uns wirkte diese Aktion allerdings mehr gezielt als willkürlich, weshalb wir vorsichtiger unterwegs waren und keine Berichte aus der Türkei veröffentlicht haben. Bei der Ausreise gab es zum Glück keine Probleme.

Nachtrag Dienstag, 10. April 2018: Wie wir erfahren haben, geht es Aya mittlerweile deutlich besser. Allerdings musste die Familie gemeinsam mit anderen Menschen das Camp verlassen und in ein anderes ziehen. Der Grundstücksbesitzer will nun sein Haus beziehen und da stören die Zelte wohl im Vorgarten. So etwas wie Mietverträge gibt es natürlich nicht und so sind sie der Willkür des Grundstücksbesitzers machtlos ausgeliefert.

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