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Gefangen zwischen den Grenzen – Budapest Teil 3

Es gibt Lösungen und sie sind käuflich. Baut Container und Camps, die zumindest die menschlichen Grundrechte erfüllen. Was hier passiert, wird unsere Gesellschaft auf Dauer so viel mehr kosten. Selbst ein egoistischer, aber rational denkender Mensch müsste das verstehen, wenn er denn ein Grundstock an Intelligenz und Menschlichkeit mitbrächte. Nur ist das wohl nicht der Fall.

WhatsApp Image 2017-02-16 at 13.14.23Auch die letzten beiden Tage, Mittwoch und Donnerstag, waren wir mit Sirius Help unterwegs. Am Donnerstag waren wir, wie auch am Dienstag in den Transitzonen und haben Schlafsäcke, Klamotten, Tee, Kaffee und Zucker verteilt. Am Mittwoch fuhren wir zusammen in ein Camp, das etwa zwei Stunden entfernt vom Budapest in Kiskunhalas liegt. Auf einem alten Militärgelände erbaut und mit Stacheldraht umzogen, macht das Camp von außen zunächst keinen sehr einladenden Eindruck. Es ist aber offen und die Menschen, die hier leben sind verhältnismässig gut versorgt. Es gibt beheizte Container, eine Küche, Sanitäranlagen und einen Gemeinschaftsraum, in dem Kinder spielen können und in dem wir auch Klamotten verteilt haben.

Es ist natürlich etwas paradox, sich über die Erfüllung dieser grundlegenden Bedürfnisse zu freuen, dennoch war es nach dem, was wir am Dienstag gesehen hatten und was wir noch am Donnerstag sehen sollten, eine irgendwie positive Erfahrung. Die Stimmung hier war ganz anders. Familien hatten die Chance, etwas zur Ruhe zu kommen und sich auszuruhen für die sehr wahrscheinliche Weiterreise Richtung Österreich. Mit den Leuten von Sirius Help haben wir uns viel unterhalten und über die Situation in Ungarn sehr viel gelernt. Ungarn habe als Land, anders als Deutschland, quasi keine Erfahrung mit Einwanderung die Strukturen seien also so gar nicht vorhanden und auch der Gedanke daran eher befremdlich. Nur sehr wenige beantragen Asyl in Ungarn, da sie bereits nach wenigen Wochen die Übergangscamp verlassen müssten und es keine Sozialhilfe gibt. Ohne eine Arbeit haben die Geflüchteten so meist nur die Chance, in ein Obdachlosenheim zu ziehen und das täten viele dann auch. Ungarisch gilt als eine der schwierigsten Sprachen. Es gibt zwar Angebote, sie im Camp zu lernen, aber nur die wenigstens können sich tatsächlich so schnell, wie es erforderlich wäre, in die Lage versetzen als Arbeitskraft in Frage zu kommen. Für die meisten ist Ungarn deshalb keine realistische Option.

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Ungarn versucht aber natürlich auch gar nicht erst Integration zu ermöglichen. Stattdessen würden zur Zeit Gesetze verschärft. Bisher galt, dass die Polizei jeden, der noch keine acht Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt ist, einfach wieder zurück nach Serbien schicken kann. In der Realität wurden auch Menschen aus vierzig Kilometern wieder zurückgeschickt. In Zukunft soll die Regelung es überall in Ungarn ermöglichen, Menschen zurück zu schicken, die nicht legal eingereist sind. Für die Geflüchteten, die jetzt ankämen, würde das bedeuten, dass sie sich in Ungarn nur noch versteckt halten könnten und möglichst schnell versuchen müssten weiterzureisen. Für die freiwilligen Helfer würde dies die Versorgung zumindest mit Lebensmitteln und sauberen trockenen Klamotten natürlich auch erheblich erschweren. Mit einer Lösung haben all diese Verschärfungen von Gesetzen nichts zu tun. Sie vergrößern nur das Problem und das Leid. Menschen, die die Balkanroute heute noch überqueren haben mit großer Sicherheit schreckliches und menschenunwürdiges auf dem Weg erlebt. Die Traumata, das Misstrauen und die Angst die hierbei erschaffen werden, werden unsere Gesellschaft in Zukunft viel Aufarbeitung und Energie kosten.

WhatsApp Image 2017-02-16 at 10.41.44 pixeledNoch haben wir keine Ahnung, was den Menschen auf ihrem Weg alles widerfahren ist. Eines Tages aber werden sie erzählen und wir alle werden dafür Verantwortung tragen müssen. Menschenrechtsverbrechen werden nicht einfach vergessen. Wenn Europas Politiker und Wutbürger denken, dass sie sich den Verbrechen, die sie heute begehen, nicht stellen werden müssen, dann liegen sie falsch. Wenn sie ein Beispiel davon sehen wollen was ihr Hass, ihr Egoismus und ihre Untätigkeit hier anrichten, hätten sie nur am Donnerstag für zwei Stunden mit uns in die Transitzonen fahren müssen. Ein verlassener Duty free Shop dient dort als Unterkunft für eine Familie mit zwei Kindern. Es ist drinnen fast genauso kalt wie draußen. Mit offenem Feuer wurde deshalb geheizt und versucht etwas Wärme zu zu schaffen. Der Geruch in dem Haus ist so schlecht, dass wir es keine fünf Minuten aushielten und unsere Klamotten noch immer bestialisch stinken. Man hat schon nach fünf Minuten das Gefühl, mit einer Rauchvergiftung rauszukommen. Warum leben Menschen hier? Weil ihre Kinder draußen vielleicht erfrieren würden. So vergiften sie sich vielleicht und müssen diesen unsäglichen Geruch aushalten, aber die Menschen hier kämpfen längst schon ums Überleben. Das alles müsste nicht sein.

Es gibt Lösungen und sie sind käuflich. Baut Container und Camps, die zumindest die menschlichen Grundrechte erfüllen. Was hier passiert, wird unsere Gesellschaft auf Dauer so viel mehr kosten. Selbst ein egoistischer, aber rational denkender Mensch müsste das verstehen, wenn er denn ein Grundstock an Intelligenz und Menschlichkeit mitbrächte. Nur ist das wohl nicht der Fall.

 

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