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Der tägliche Wahnsinn – Calais Teil 1

Wir sind immer noch ziemlich sprachlos und betrübt von unseren letzten Eindrücken. An einem abgelegenen Ort in einem Industriegebiet unweit des alten Jungles haben wir uns mit etwa 20 Flüchtenden getroffen und sie wenigstens mit dem Nötigsten versorgt: Wasserdichte Hosen und Jacken, Mützen, Schals, Handschuhe, einen warmen Tee und Essen. Jeden Abend kommen die Freiwilligen zu diesem abgelegenen Ort, von den Straßen, Wegen und aus dem anliegenden Waldstück kommen dann nach und nach die Menschen. Einige schlafen und leben bereits seit zwei Monaten auf der Straße oder in einem nahegelegenen Ankunftszentrum. Tagsüber hatten wir etwa sieben Grad und Regen. Geschätzt war keiner älter als 25 Jahre. Der Jüngste, den wir getroffen haben, Spitzname „Bambino“, war gerade einmal 15 Jahre alt. Er ist hier allein.

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Zwischen Industriegebiet und Wald treffen wir uns mit den Menschen.

Bei der Räumung von Calais hat die britische Regierung versprochen, unbegleitete Minderjährige aufzunehmen, die Verwandte auf der Insel haben. Kurz vor Weihnachten – da waren etwa 300 umgesiedelt – stoppte die Regierung das plötzlich. Seitdem sitzen hier noch immer viele Jugendliche fest. Enttäuscht von der europäischen Politik haben sie beschlossen, die Zentren zu verlassen und selbst zu versuchen nach Großbritannien zu kommen.

Der Dschungel war schon eine Zumutung. Insbesondere für die Frauen und Kinder. Was sich hier, in Calais, nach der Räumung abspielt, ist weitaus schlimmer. Die Stimmung bei uns ist gerade entsprechend gedrückt. Es fällt schwer, in die eigene Unterkunft zurückzukehren, während andere Menschen hier auf den Straßen übernachten.

Der Tag selbst begann für uns wie üblich in Calais. Wir haben die mitgebrachten Spenden aus unserem Transporter ausgeladen und einen weiteren. Den zweiten haben wir auch gleich mit Spenden, die in Calais nicht benötigt werden und für wohltätige Zwecke zurück nach England gehen, beladen. Anschließend standen Sortierarbeiten im Warehouse an. Im weiteren Verlauf haben wir uns aufgeteilt und verschiedene Aufgaben übernommen.

Auf Patrouille

Während der Patrouille fahren Freiwillige mit dem Auto, einige Spenden im Gepäck, durch Calais und halten Ausschau nach neu angekommenen Menschen. Stationen sind zum Beispiel der Hauptbahnhof, wo auch die Polizei immer wartet, bei vier Zügen waren in jedem Zug zwei Gruppen. Manche wurden von der Polizei abgefangen, andere sind davongekommen. Wo es uns möglich war, haben wir Klamotten und Essen gegeben, die erfreut entgegengenommen wurden.

Besuch im Abschiebegefängnis

Jeden Tag versuchen zwei Freiwillige, Menschen im Abschiebegefängnis zu besuchen. Dafür wird mittags in den drei Blöcken angerufen, wovon zumindest heute zwei Leitungen tot waren. Auf der anderen haben wir aber jemanden erreicht. Die Flüchtenden sollen uns dann möglichst viele Namen buchstabieren und benötigte Spenden sagen. Mit der Liste der Namen und den Spenden im Gepäck sind wir dann in das Gefängnis gefahren. Die Polizei soll launisch sein, wir hatten heute aber Glück und durften auf Anhieb rein, auch wenn wir nur zwei der vier gefragten Menschen besuchen durften. Von denen haben wir versucht, uns so viele Informationen wie möglich zu holen, um sie weiter unterstützen und ihren Weg weiterverfolgen können. Das gestaltete sich zwar schwierig, weil sie nur wenig Englisch sprachen, aber das Wichtigste konnte man austauschen. „Ihr seid wirklich gekommen“, sagte einer der beiden dreimal innerhalb der 30 Minuten mit einem Lachen im Gesicht, als wir uns im Besucherraum getroffen haben. Über die Klamotten haben sie sich sehr gefreut und werden auch ihre Kollegen versorgen. Eine Polizistin sagte uns, dass allein gestern 16 Menschen inhaftiert wurden und das Abschiebegefängnis, in dem wir waren, mit 79 Insassen derzeit seine Kapazität erreicht hat.

Es gibt sehr viel mehr, was wir heute an Eindrücken gesammelt haben, aber gerade nicht in Worte fassen können. Ein anderer Freiwilliger fasste es vorhin so zusammen: Wir geben ihnen etwas Cola, Kleidung und Handschuhe – das ist alles, was wir tun können. Aber die Notwendigkeiten sind ganz andere….

>>>Weiter zu Teil 2<<<

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